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mein Prüfungsvortrag,
veröffentlicht in: Heilspiegel Nr. 10, April 2009
In meiner ersten
Yogastunde war ich fasziniert von den Mantren und der wunderbaren
Musik, die ich zu hören bekam. Von da an ließ mich die
Begeisterung nicht mehr los und wurde zur Motivation, mich tiefer
auf Yoga einzulassen.
Im Laufe der Jahre drängte
sich allmählich eine Frage in den Vordergrund: Kann es gut
für uns sein, dass wir Worte einer fremden weit entfernten
Kultur singen und sprechen, dass wir versuchen, sie ganz tief in
uns aufzunehmen und sie auf Körper, Geist und Seele wirken
zu lassen? Wäre es nicht besser, Techniken aus der eigenen
Kultur anzuwenden?
Auf der Suche nach "unseren"
Mantren stieß ich auf die Altgermanischen Runen, die ich bis
dahin nur für Schriftzeichen gehalten hatte. Ich konnte feststellen,
dass es viele Parallelen zu den indischen Mantren gab.
Auch in der germanischen
Kultur war es so, dass die Rune, also das Wort selbst, gleichzeitig
die Kraft des Gegenstandes oder des Begriffs in sich trug, den sie
bezeichnete. Das Singen, Sprechen oder Schreiben der Rune "Sowilo"
für "Sonne" (allgemein bekannt als SIG-Rune) stellte
beispielsweise einerseits die Sonne als Himmelskörper dar,
gleichzeitig bedeutete es, deren Energie zu nutzen, die auch für
Lebenskraft und Kundalini stand. Durch Runengesang verbreitete sich
die der Rune innewohnende Schwingung. Der Runen-Gesang war Teil
der nordischen Ekstasetechnik Galdr.
Erstaunt haben mich manche
begrifflichen Ähnlichkeiten, nämlich dass das Wort für
Rad "Raidho" gleichzeitig Bewegung, Tanz und Rhythmus
bedeutet, und die Rune "Perthro" für Pferch auch
Gebärmutter, Brunnen, Quelle der Inspiration und Wissen.
Daraus lässt sich
schließen, dass es sich bei dem magischen Umgang mit Worten
um ein Erbe handelt, das es in vielen, möglicherweise in allen
menschlichen Kulturen gibt und gab.
Für unseren Kulturkreis
gilt, dass dieses alte Wissen durch drei Entwicklungen unterdrückt
wurde und in Verruf geraten ist:
1. Die christliche Kirche
hat sämtliche alten germanischen Riten verboten, hat sie systematisch
ausgerottet, Kirchen auf alte Kultstätten gesetzt, Menschen
umgebracht, die dieses Wissen weitergaben, altes Wissen als "heidnisches"
und damit schlechtes Wissen bewertet und die Nutzung der alten Riten
als Sünde gebrandmarkt. Bis in die Neuzeit hinein gab es Hexenverbrennungen.
2. Im Westen entwickelte
sich allmählich eine Überbetonung der Vernunft und der
Logik, die allein mit wissenschaftlichen Methoden Nachweisbares
als existent ansieht.
3. Eine Katastrophe stellte
auch auf dieser Ebene der Nationalsozialismus dar, der sich auf
das alte germanische Erbe besann, und es für sich vereinnahmte.
So benutzte z. B. die SS die zweifache Sonnen-Rune als Kennzeichen
für ihre Organisation. Dies wiederum führte dazu, dass
Runen heute als "rechtsradikales" Gedankengut gelten.
Von dieser altgermanischen
Kultur sind wir also größtenteils abgeschnitten.
Das Benutzen von Mantren
ist unserer Kultur aber nicht fremd, es erscheint daher auch nicht
als "fremd", sich mit den Mantren einer anderen Kultur,
die sich über Jahrtausende erhalten hat, zu beschäftigen.
Ein weiterer Verbindungsstrang
zu den indischen Sprachen kommt dazu, nämlich, dass unsere
Sprache - wie viele andere Sprachen - aus dem alten Sanskrit hervorgegangen
ist. Wir verbinden uns also möglicherweise mit der "sprachlichen"
Wiege der Menschheit, die ja auch unsere sprachliche Wurzel darstellt.
Allerdings ist noch lange nicht alles erforscht. Die vermutlich
noch ältere Schrift des Industals ist bisher nicht entziffert.
Das Sanskrit ist eine
sehr exakte Sprache, die außerdem viel Klang in sich trägt.
Jede Lautkombination im Sanskrit folgt festen Harmoniegesetzen.
Beim Sprechen oder Singen von Mantren ist der Klang, also die Energie,
von außerordentlicher Bedeutung, aber auch die Veränderung
des Raums der Mundhöhle, die Bewegung der Lippen, das Anstoßen
bestimmter Reflexpunkte am Gaumen und bestimmter Stellen an der
Zunge. Es handelt sich um eine Art "Yoga im Mund", bei
dem - ähnlich der Fußreflexzonenmassage - über die
Reflexpunkte bestimmte Areale im Gehirn beeinflusst werden. Deshalb
ist auch eine möglichst genaue Aussprache von Bedeutung.
Hinzu kommt, dass das
Chanten in einer der alten Sprachen wie Sanskrit, Gurmukhi oder
Tibetisch die Verbindung zu der im Universum bereits vorhandenen
Klangschwingung herstellt. Mantren wie das Gayatri Mantra, Om Mani
Padme Hum oder Wahe Guru sind über viele Tausende von Jahren
millionenfach gechantet worden, weshalb es möglich ist, an
diese Schwingung anzuknüpfen und sich dadurch mit dem universellen
Bewusstsein in Verbindung zu bringen.
Nicht zuletzt entfaltet
auch der Inhalt oder das Meditieren auf den Inhalt seine Wirkung.
Obwohl die indischen
Sprachen durch ihre besondere Konstruktion wunderbar für die
Nutzung von Mantren geeignet sind, hat es auch eine besondere Qualität,
Mantren in der eigenen Muttersprache zu chanten. Diese können
möglicherweise ebenso "tief" in uns eindringen wie
Mantren in klangvolleren Sprachen. Unsere Sprache kennen wir, seit
wir als Embryo im Mutterleib waren, wo wir sie zum ersten Mal gehört
und in uns aufgenommen haben. Bei der Nutzung eines muttersprachlichen
Mantras spielen sicherlich die Bedeutung und der uns vertraute Klang
eine besonders große Rolle und dringen darum tief ein.
Um sowohl die Vorzüge
der alten Techniken und der indischen Sprachen nutzen zu können
als auch die Muttersprache einzusetzen, singe ich die Originalmantren
und dazwischen ab und zu den deutschen Text, den ich an die Melodie
angepasst habe. In der Meditation erreiche ich dadurch eine erleichterte
Wahrnehmung der Bedeutung dessen, was ich singe. Dies wirkt sich
auf die Entwicklung des individuellen Bewusstseins, die wir anstreben,
positiv aus. Auf diese Weise versuche ich, von der Wirkung des Klangstroms
und der Resonanzpunkte zu profitieren, mich mit dem universellen
Bewusstsein zu verbinden und die Bedeutung in der eigenen Sprache
zu erfahren, also gleichzeitig auf den Inhalt zu meditieren und
so mein eigenes Bewusstsein zu erweitern.
Jeder kann sich auch
ein Mantra in seiner eigenen Sprache suchen, z. B. ein augenblickliches
Lebensmotto, einen Vers, der ihn schon seit Langem begleitet, ein
Wort, das er schon immer geliebt hat..
Mein derzeitiges Lebensmotto,
das ich zu meinem muttersprachlichen Mantra gemacht habe, lautet:
Ganz entspannt im Hier und Jetzt - mit offenem Herzen für Alles.
Kleine Literaturauswahl zum Thema:
- Gurucharan Singh Khalsa: Power of Words and Language, in "Shabd
Guru", Sat Nam Versand 1995
- Heitel, Mohani: Die heilenden Klänge der Mantras, südwestverlag
2007
- Huchzermeyer, Wilfried (Hrsg.): Erlebnis: Sanskrit-Sprache, edition
sawitri 2005
- Reiche, Ad Such Kaur Ulrike: Klänge und Töne - Sprache
und Mantren bei www.yoga-infos.de
- Shiv Charan Singh: Mantras, Essential Principles Essential Sounds,
Yogi Press
- Siri Singh Sahib Bhai Sahib Harbhajan Singh Khalsa Yogiji (Yogi
Bhajan): Shabd Guru, Sat Nam Versand 1995
- Tietke, Mathias: Die Induskultur als Wiege des Yoga, yoga aktuell
2008, H.2, S.70
- Warneck, Igor: Ruf der Runen, Schirner Verlag 2005
Weitere Texte:
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MANTRAS IN MITTELEUROPA?
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- TIPPS FÜR DIE PRAXIS
DIE
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